Unverständliche Beipackzettel – Verbraucher sind verunsichert

Viele Medikamente landen im Müll, weil die Patienten die Beipackzettel nicht verstehen. Mit einfacheren Texten ließen sich Milliarden Euro einsparen, glauben die Krankenkassen.

Schon
das Auseinanderfalten des kleinen schwarzweißen Beipackzettels erfordert Fingerspitzengefühl. Anschließend braucht man gute Augen. In einer Schriftgröße von sechs Punkt werden Anwendungsgebiete, Dosierung, Wechsel- und Nebenwirkungen eines Medikaments beschrieben, das bei Sodbrennen helfen soll. Einige Passagen der „Gebrauchsinformation“ geben dem Laien Rätsel auf: Es sei möglich, „dass die Einnahme die Resorption von Arzneimitteln herabsetzt, deren Bioverfügbarkeit pH-abhängig ist“. Zu beachten sei auch, dass der in der Tablette enthaltene Wirkstoff Pantoprazol-Natrium Sesquihydrat „über das Cytochrom P450 Enzymsystem in der Leber verstoffwechselt“ ist. „In Einzelfällen“ seien „erhöhte Triglyceride“ und „anaphylaktische Reaktionen“ möglich. Depressionen könnten ebenfalls nicht ausgeschlossen werden, verschwänden aber rasch wieder. Noch Fragen?

Helmut Schröder, Forschungsbereichsleiter am Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO), hat Dutzende solcher „Gebrauchsinformationen“ gelesen. Mit Unterstützung des Verbraucherzentrale Bundesverbandes nahm das Institut 2005 in einer Studie die Beipackzettel der 100 verordnungsstärksten Arzneimittel unter die Lupe. Ergebnis: „Die aktuell im Arzneimittelmarkt befindlichen Gebrauchsinformationen sind weder lesbar noch verständlich.“

Ein Drittel der Patienten verunsichert

Jeder dritte Patient fühlt sich durch die Beipackzettel verunsichert – und davon abgeschreckt, das Mittel überhaupt einzunehmen. So wandern laut WIdO jedes Jahr rund 100 Tonnen Arzneimittel im Wert von über 500 Mio. Euro im Mülleimer. Ein Viertel aller Tablettenschachteln, die vom Arzt verordnet werden, bleiben unangetastet liegen. Für Schröder Belege, dass „nicht nur Arzneimittel, sondern auch Packungsbeilagen Nebenwirkungen haben“.

Das Problem der unverständlichen Packungsbeilage ruft mittlerweile auch andere Krankenkassen auf den Plan. Mit rund 25,9 Mrd. Euro bildeten die Arzneimittelkosten den zweithöchsten Ausgabenblock der Kassen hinter den Krankenhauskosten. Durch verbesserte Beipackzettel könnten die Ausgaben erheblich sinken.

„Die Zulassung eines Medikaments sollte nur in Kombination mit einem verständlichen und lesbaren Beipackzettel möglich werden“, fordert etwa der AOK-Vorstandsvorsitzender Hans Jürgen Ahrens. Und der Chef der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), Ingo Kailuweit, kündigt an, seine Kasse werde sich verstärkt mit dem Kleingedruckten in Arzneimittelschachteln beschäftigen. Künftig soll eine eigene Arbeitsgruppe gezielt auf die Pharmahersteller einwirken – vor allem bei den Firmen, mit denen die Kasse direkte Rabattverträge geschlossen hat. Das Einsparpotenzial, das durch Optimierung von Beipackzetteln und Packungsgrößen erzielt werden könnte, beziffert Kailuweit auf 1 bis 2 Mrd. Euro. „Das ist eine Summe, die Einfluss auf den Beitragssatz hat“, sagt er. In der gesetzlichen Krankenversicherung entspricht 1 Mrd. Euro etwa 0,1 Beitragspunkten.

Gesetzlich vorgeschrieben ist der Beipackzettel seit Verabschiedung des Arzneimittelgesetzes im Jahr 1978. Auslöser war der Skandal um das Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan. Das Medikament hatte zu schweren Missbildungen bei Neugeborenen geführt. Seit September 2005 sind Pharmafirmen auch dazu angehalten, Packungsbeilagen in „verständlicher Sprache“ und in einer Schriftgröße von mindestens acht Punkt zu gestalten.

Entsprechende „Textvorschläge“ müssen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zur Prüfung vorgelegt werden. „Um herauszufinden, ob eine Packungsbeilage verständlich ist, führen wir User-Tests durch“, sagt Klaus Menges, Referent für wissenschaftliche Qualitätssicherung beim BfArM. 20 Personen unterschiedlichen Alters und Bildungsstandes lesen und bewerten die Packungsbeilagen. Nur wenn mindestens 16 Testleser den Inhalt verstehen, wird grünes Licht gegeben. Bislang sind rund 300 solcher Tests durchgeführt worden. „Bis 2009 müssen alle Verpackungen angepasst sein“, sagt Menges. Bei schätzungsweise 25.000 verschreibungspflichtigen Arzneimitteln, die derzeit auf dem Markt sind, hat das BfArM also noch viel Arbeit vor sich.

Die Arzneimittelhersteller bemühen sich nach eigenen Angaben schon seit Jahren, die Beipackzettel anwenderfreundlicher zu gestalten. Doch nahezu alle Angaben darauf seien gesetzlich exakt vorgeschrieben, sagt Susan Knoll vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller. „Insofern haben wir weit weniger Einfluss auf den Inhalt als gemeinhin vermutet wird.“ Auch Britta Ginnow vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, klagt über behördliche Vorgaben. Die Hersteller gäben sich große Mühe, Fremdwörter zu erklären und Erläuterungen nicht uferlos werden zu lassen. Solche Bemühungen würden jedoch durch diverse Vorgaben torpediert. So habe das BfArM für eine Reihe von Wirkstoffen Mustertexte erstellt, die bei den Patienten für Verwirrung sorgten. Wünschenswert wäre eine engere Abstimmung zwischen BfArM und Herstellern.

Bertram Häussler, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), warnt indes davor, den Tablettenschwund allein dem Beipackzettel anhängen zu wollen. „Es ist immer damit zu rechnen, dass Arzneimittel nicht vorschriftsgemäß eingenommen und abgesetzt werden – vor allem dann, wenn der Patient die Krankheit nicht spürt.“

Eine andere Ursache sieht der Experte in der wachsenden Zahl von Rabattverträgen, die Kassen neuerdings mit Pharmaherstellern abschließen dürfen. Ein Patient bekomme dann heute einen Wirkstoff von der Firma A und in einem Monat von der Firma B ausgehändigt. „Bei Wechsel von Präparaten erleben viele Menschen unspezifische Nebenwirkungen wie Schwindel, Bauch- oder Kopfschmerzen – und das, obwohl derselbe Wirkstoff in den Tabletten drin ist.“ Das Medikament wird abgesetzt, die Schachtel landet im Müll. „Reformen“, sagt Häussler, „die zu mehr Wirtschaftlichkeit führen sollen, haben eben auch ihre Nebenwirkungen.“

Entsprechende „Textvorschläge“ müssen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zur Prüfung vorgelegt werden. „Um herauszufinden, ob eine Packungsbeilage verständlich ist, führen wir User-Tests durch“, sagt Klaus Menges, Referent für wissenschaftliche Qualitätssicherung beim BfArM. 20 Personen unterschiedlichen Alters und Bildungsstandes lesen und bewerten die Packungsbeilagen. Nur wenn mindestens 16 Testleser den Inhalt verstehen, wird grünes Licht gegeben. Bislang sind rund 300 solcher Tests durchgeführt worden. „Bis 2009 müssen alle Verpackungen angepasst sein“, sagt Menges. Bei schätzungsweise 25.000 verschreibungspflichtigen Arzneimitteln, die derzeit auf dem Markt sind, hat das BfArM also noch viel Arbeit vor sich.

Die Arzneimittelhersteller bemühen sich nach eigenen Angaben schon seit Jahren, die Beipackzettel anwenderfreundlicher zu gestalten. Doch nahezu alle Angaben darauf seien gesetzlich exakt vorgeschrieben, sagt Susan Knoll vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller. „Insofern haben wir weit weniger Einfluss auf den Inhalt als gemeinhin vermutet wird.“ Auch Britta Ginnow vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, klagt über behördliche Vorgaben. Die Hersteller gäben sich große Mühe, Fremdwörter zu erklären und Erläuterungen nicht uferlos werden zu lassen. Solche Bemühungen würden jedoch durch diverse Vorgaben torpediert. So habe das BfArM für eine Reihe von Wirkstoffen Mustertexte erstellt, die bei den Patienten für Verwirrung sorgten. Wünschenswert wäre eine engere Abstimmung zwischen BfArM und Herstellern.

Bertram Häussler, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), warnt indes davor, den Tablettenschwund allein dem Beipackzettel anhängen zu wollen. „Es ist immer damit zu rechnen, dass Arzneimittel nicht vorschriftsgemäß eingenommen und abgesetzt werden – vor allem dann, wenn der Patient die Krankheit nicht spürt.“

Eine andere Ursache sieht der Experte in der wachsenden Zahl von Rabattverträgen, die Kassen neuerdings mit Pharmaherstellern abschließen dürfen. Ein Patient bekomme dann heute einen Wirkstoff von der Firma A und in einem Monat von der Firma B ausgehändigt. „Bei Wechsel von Präparaten erleben viele Menschen unspezifische Nebenwirkungen wie Schwindel, Bauch- oder Kopfschmerzen – und das, obwohl derselbe Wirkstoff in den Tabletten drin ist.“ Das Medikament wird abgesetzt, die Schachtel landet im Müll. „Reformen“, sagt Häussler, „die zu mehr Wirtschaftlichkeit führen sollen, haben eben auch ihre Nebenwirkungen.“

Bericht FTD – Arbeit für Technische Redakteure

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Gesundheit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s