Umweltgifte und die Geburtenrate – Der verschwiegene Skandal über Umwelthormone

In der Arktis werden teilweise doppelt so viele Mädchen wie Jungs geboren. Schuld sind Chemikalien die wie Sexualhormone wirken.

Bereits im Frühjahr schlug das National Institute of Environmental Health Sciences der USA Alarm: In Japan und den Vereinigten Staaten, so hatten Statistiken gezeigt, gibt es 250 000 Jungen weniger als zu erwarten wären, gemessen am noch in den 70er-Jahren herrschenden Geschlechterverhältnis. Die Studienautoren fanden jedoch keine Erklärung für den Mädchenüberschuss.

Jetzt kamen Forscher des Arctic Monitoring and Assessment Programme (Amap) zu noch beunruhigenderen Daten. In vielen Siedlungen im hohen Norden, so berichten sie in einer noch unveröffentlichten Studie, werden doppelt so viele Mädchen wie Jungen geboren. Das Phänomen ist in fast allen arktischen Regionen zu beobachten, in Sibirien und Kanada ebenso wie in Grönland. In einem Dorf in der nördlichsten Region Grönlands, Avanersuaq, kamen in jüngerer Zeit in den Inuit-Familien sogar ausschließlich Mädchen zur Welt.

Weibliche Föten haben es leichter

Die Amap-Experten benennen auch die wahrscheinliche Ursache der dramatischen Geschlechterverschiebung. Im Blut schwangerer Frauen fanden sie hohe Konzentrationen von Chemikalien, die im Körper wie menschliche Sexualhormone wirken. Sie dringen vermutlich in die Plazenta ein und beeinflussen in den ersten drei Schwangerschaftswochen die Hormone von Mutter und Kind so, dass bevorzugt weibliche Föten heranreifen. „Wir wussten, dass sich diese Stoffe in der Nahrungskette anreichern und dass ihre Konzentration in Seehunden, Walen und insbesondere Eisbären millionenfach höher ist als im Plankton. Dadurch werden auch die Menschen beeinträchtigt, die das Fleisch der großen Tiere essen. Doch dass die Chemikalien das Geschlecht von Kindern vor der Geburt ändern können, hat uns geschockt“, sagte Amap-Generalsekretär Lars-Otto Reierson gegenüber der britischen Zeitung „Guardian“. Betroffen sind vor allem die Einwohner von Nord- und Ostgrönland, die sich noch traditionell von gejagten Tieren und Fisch ernähren.

Zugleich entdeckten die Amap-Wissenschaftler, dass in sibirischen Inuit-Siedlungen viele Frauen Frühgeburten hatten und die Jungen dort viel kleiner sind als die Mädchen. Verantwortlich, so Reierson, seien Substanzen wie das Pestizid DDT, in Kondensatoren verwendetes PCB, bromhaltige Flammschutzmittel aus Computern und Fernsehgeräten sowie ähnliche Stoffe, die als Umwelthormone wirken. Sie könnten die Entwicklung männlicher Föten blockieren oder die Spermien schädigen, die das männliche Geschlechtschromosom enthalten. Die Schadstoffe stammen aus den Industrieländern und werden mit Luftmassen, die aus tropischen Gebieten in den kalten Norden fließen, in die Arktis verfrachtet.

Die von den Umwelthormonen ausgehenden Risiken beleuchten auch neue, in England und den USA durchgeführte Studien. Sie zeigen, dass Stoffe, die wie das weibliche Hormon Östrogen wirken oder männliche Sexualhormone blockieren, für sich genommen harmlos sein können. Im Zusammenwirken mit ähnlichen Substanzen entfalten sie jedoch schädliche Effekte, selbst, wenn die Menge jedes einzelnen Stoffs unter der Wirkungsschwelle liegt.

Auf die Spur solcher Chemiecocktails kam der Ökotoxikologe Prof. Andreas Kortenkamp von der University of London bereits 2002. Ihm und einigen Kollegen war aufgefallen, dass die Zahl hormonell bedingter Krankheiten wie Hodenkrebs, Hypospadie, bei der die Harnröhre auf der falschen Seite des Penis verläuft, und Cryptorchidismus (bei diesem Leiden senken sich die Hoden nicht in den Hodensack ab) bei Männern sowie Brustkrebs und polyzystische Eierstöcke bei Frauen stark zunahm. Bei Männern fielen überdies die Spermienzahlen rapide. Bei Betroffenen fanden die britischen Forscher jedoch nur geringe Mengen bekannter Umwelthormone. Deshalb fragte sich Kortencamp, ob es nicht synergistische Wirkungen solcher Substanzen geben könne. In Experimenten, bei denen er acht Chemikalien mischte, die in Plastik, Sonnenmilch und ähnlichen Alltagsprodukten enthalten sind, gelang ihm der Nachweis: Einzeln bewirkten die Stoffe in den bei den Patienten gemessenen Konzentrationen nichts, doch in der Summe erwiesen sie sich als verweiblichend, da sie wie das Hormon Östrogen wirkten.

Substanzen blockieren Rezeptoren

In einer jüngst veröffentlichten neuen Studie wies Kortenkamps Arbeitsgruppe nun nach, dass ein Cocktail aus Anti-Androgenen – sie hemmen die Aktivität männlicher Sexualhormone – in ähnlicher Weise wirkt. Die Forscher setzten trächtige Ratten zwei Pestiziden und dem Medikament Procymidon aus, das gegen Prostatakrebs eingesetzt wird. Das Gemisch unterband die Entwicklung männlicher Föten. Vermutlich blockieren die Substanzen die Rezeptoren für männliche Hormone wie Testosteron, sodass die natürlichen Androgene nicht an Zellen andocken können. Medikamente wie Procymidon werden von Patienten mit dem Urin ausgeschieden. Da sie in Kläranlagen oft nur unzureichend abgebaut werden, gelangen sie ins Grundwasser und kommen mit dem Trinkwasser in die Bevölkerung zurück.

In den USA unternahm Kortenkamps Kollege Earl Gray vom National Institute of Environmental Health Sciences ein ähnliches Experiment mit Phtalaten – jenen Stoffen, die in großen Mengen insbesondere als Weichmacher in Plastik vorkommen. Zwei Stoffe aus dieser Gruppe gemeinsam stoppten abermals die Entwicklung männlicher Rattenföten, indem sie die Produktion von Testosteron in den Tieren unterbanden. In einer weiteren Versuchsreihe zeigte Gray, dass ein Gemisch aus sechs Phtalaten und Procymidon bei männlichen Nagern Missbildungen auslöst, obwohl jeder einzelne Stoff unter der Wirkschwelle lag. „Offenbar haben wir die vom Androgen-Rezeptor in den Zellen ausgelöste Signalkette auf verschiedenen Wegen unterbrochen“, urteilt Gray.

Diese neuen Erkenntnisse sind für Regulierungsbehörden äußerst problematisch. Normalerweise ermitteln sie Grenzwerte für jede Substanz einzeln. Doch es ist kaum möglich, festzulegen, welche Mengen eines Chemikaliencocktails etwa in Lebensmitteln enthalten sein dürfen. Dazu gib es einfach zu viele unterschiedliche Stoffe, die in die Umwelt freigesetzt werden. Bei den meisten davon ist auch ihr hormonnachahmendes Potenzial nicht bekannt. Deshalb wollen einige Experten künftig nicht mehr einzelne Substanzen in Gewebsproben von Patienten messen, sondern deren „xenoöstrogene Belastung“ bestimmen (Xenoöstrogene sind fremde Stoffe, die wie körpereigenes Östrogen wirken).

Einer von ihnen ist der Onkologe Nicolas Olea von der Universität Granada. Er entwickelte ein Verfahren, die Belastung mit Fremdöstrogenen zu messen. Dazu gibt er Gewebsproben von Patienten in Kulturen mit östrogenempfindlichen Zellen. Der Grad ihrer Veränderung zeigt, wie stark der Betroffene mit Umwelthormonen belastet ist. Der spanische Krebsarzt will herausfinden, ob Menschen, die solchen Mixturen ausgesetzt sind, häufiger an Brustkrebs oder deformierten Genitalien leiden. Tatsächlich entdeckte Olea einen solchen Zusammenhang.

Mehr Geld für die Erforschung von Umwelthormonen

Die Reproduktionsmedizinerin Shanna Swan von der University of Rochester in New York beobachtete anhand eines ähnlichen Verfahrens, dass Jungen, die im Mutterleib erhöhten Dosen von fünf bestimmten Phtalaten ausgesetzt waren, einen verkürzten Damm hatten. Der Abstand zwischen Anus und Geschlechtsorganen gilt als Maß für die Aktivität hormonähnlicher Stoffe im Körper, die zur Verweiblichung führen. Swans Probanden wiesen auch höhere Raten von Hodenhochstand auf.

Derartige Tests sind jedoch teuer. Deshalb wollen sich US-Behörden damit begnügen, in Blut- und Urinproben von kleinen Bevölkerungsgruppen die Konzentrationen einzelner bekannter Umwelthormone zu messen und daraus auf das allgemeine Erkrankungsrisiko zu schließen. Das US-Center for Disease Control kündigte an, demnächst eine Liste von 275 solcher Substanzen vorzulegen. In Europa setzen EU-Experten auf die Richtlinien des REACH-Programms, das die Mengen von in die Umwelt freigesetzten Chemikalien begrenzen soll. „Dies könnte jedoch ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln“, warnt der britische Forscher Kortenkamp. „Die Behörden erkennen erst langsam die kumulativen Effekte an.“ Immerhin will die EU künftig mehr Geld für die Evaluierung der Gesundheitsrisiken von Mixturen aus Umwelthormonen ausgeben.

Für die Inuit in der Arktis könnten solche Maßnahmen zu spät kommen. „Dies ist eine kritische Frage für das Überleben der Menschen hier, doch nur wenige Regierungen wollen über das Problem der Umwelthormone reden“, klagt Aqqaluk Lynge, ehemaliger Vorsitzender der „Inuit Circumpolar Conference“. „Denn dann müssten sie ihren Gebrauch von Chemikalien überdenken.“

 Artikel: Focus Redakteur Michael Odenwald

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Eingeordnet unter Gesundheit, Umwelt

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