Das Internet verändert unser Menschen-verhalten

Dieser Text ist die leicht gekürzte Fassung der Dankesrede, die Frank Schirrmacher, Herausgeber des Feuilletons der FAZ, anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache 2007 in Kassel hielt. Lesens- und besonders Nachdenkenswert!

Journalisten werden in amerikanischen Filmen gerne mit einem Stift hinter dem Ohr porträtiert, auch Lebensmittelhändler übrigens und Wettbürobesitzer. Kein besonders imposantes Werkzeug, also. Und doch hat es ausgereicht, von den ersten Ritzungen in Ton, die die Höhlenmenschen ausführten, bis zu Einsteins Relativitätstheorie, alles auszudrücken, was wir sind. Und es reichten Stift und Papier, um wie Joanne K. Rowling von der Sozialhilfempfängerin zur reichsten Frau Englands aufzusteigen.

Wer sich mit Fragen des Schreibens und Lesens befasst, redet auch von ABC-Schützen, die möglicherweise einmal die Welt aus den Angeln heben könnten. Das Problem ist nur: Es gibt kaum noch ABC-Schützen und das, was die Stifte einst leisteten, tun nun die Laptops. Beide Parameter zusammen beschreiben exakt, was wir die Krise der Medien nennen.

Jacob Ludwig Karl Grimm, geboren 1785, gestorben 1863; er steht am Beginn des großen Zeitalters der Erfindungen. Im Jahr seiner Geburt wird der mechanische Webstuhl erfunden, in seinem Todesjahr die Rollen-Rotationsmaschine für Zeitungen patentiert, und Henry Ford wird geboren. Mit Jacob Grimms Jahrhundert beginnt unwiderruflich die Epoche der Beschleunigungen. Es sind die Erfindungen, die Einst und Jetzt sortieren, eine Zeit vor der Elektrifizierung und eine Welt danach, eine Welt vor dem Automobil und eine Zeit danach.

Man muss das erwähnen, weil auch Grimm auf seiner Lebensbahn gemeinsam mit seinem Bruder eine eigene Erfindung macht: Er fand eine Luke in der Zeit, durch die man sich in die Welt des „Es war einmal“ befördern kann; durch die Märchen.

Eine andere Chronologie

Die Grimms geben so dem Leben bis heute eine andere Chronologie, gleichsam, als würde ein anderes Zifferblatt unter die Zeiger gelegt. Und in seiner Schrift „Über das Alter“ hält Jacob Grimm fest, wie subjektiv und veränderlich der Zeitbegriff immer war: „Unter unsern Vorfahren hergebracht war eine zusagende, progressive Berechnung des Menschenalters, wie sie ein Hausvater den ihm zunächst umgebenden Gegenständen entnehmen konnte. Ein Zaun währt drei Jahre, ein Hund erreicht drei Zaunes alter, ein Ross drei Hundes Alter, ein Mann drei Rosses Alter. . .“

Wir, fast alle noch Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts, haben Geschichte abgelesen an den denen, die uns die Märchen vorlasen, Eltern und Großeltern. Sie waren Menschen, an deren Lebensanfang noch die Pferdekutsche und an deren Lebensende die Mondlandung stand, Kriege, Revolutionen und Inflationen gar nicht gerechnet. Weder unsere Eltern und Großeltern, noch die Älteren, mit denen ich sprach, vom hundertjährigen Hans-Georg Gadamer bis zum neunundneunzigjährigen Ernst Jünger, konnten wirklich erklären, wie sich das anfühlte, als die Gesellschaft in die technische Moderne katapultiert wurde. Sie behalfen sich mit dem Märchen-Ton: „Damals, als es noch keine Autos gab. . .“ Was war und sich nicht modernisieren konnte, stürzte über Nacht oder wurde in ein Museum verwandelt.

Anstehen vor Telefonzellen

Ich erkenne erst jetzt, dass sämtliche technische Revolutionen, denen ich ausgesetzt war, solche der Kommunikations- und Informationswelt waren. Versuchen Sie mal, die Frage Ihrer Kinder und Enkel zu beantworten: Wie sie denn war, die Welt als man sich vor Telefonzellen anstellen musste? Als es noch kein Fax, kein Internet oder Laptop gab. . . Eine Jugend mit nur zwei Fernsehsendern? Verabredungen, die man umständlich planen musste, weil es keine Möglichkeit gab, sich unterwegs zu verständigen? Zeitungen ohne Bilder auf der Titelseite?

Kann sich heute irgendein Journalist, Schreibender, ja Handelnder in diesem Land noch daran erinnern, wie er Informationen vor der Epoche der Suchmaschinen sammelte? Zum ersten Mal hat die Beschleunigung das Instrument des Berichtens und Erzählens, die Schrift und ihre Verbreiter, selbst betroffen. Erst 1994, das ist dreizehn Jahre her, tauchte zum ersten Mal das Wort „World Wide Web“ auf. Was wird in dreizehn Jahren sein? Manche glauben, der Prozess sei faktisch abgeschlossen und differenziere sich nur noch im Detail. Das halte ich für unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass die technologische Revolution sich überhaupt jetzt in der Gesellschaft selbst bemerkbar macht. Nachdem die Werkzeuge verändert wurden, verändern sich die Menschen.

Immer mehr Nichtleser

Die erste Generation, die seit ihrer Geburt vom Internet geprägt wurde, macht jetzt Abitur. Gleichzeitig steigt der Anteil an jungen Menschen, die bekennen, gar nicht mehr zu lesen, dramatisch an. Und man wende nicht ein, dass der Mensch auf den Vorgang des Lesens nicht verzichten kann. Das Gegenteil ist der Fall. Neben vielem anderen ist das Netz auch ein Medium, das in steigendem Maße Nicht- oder Fastnichtmehrlesen ermöglicht, und wer das nicht glaubt, schaue sich die Verfilmung von Archiven bis zu Gebrauchsanweisungen auf Youtube an.

Die Welt, die gerade nachwächst, wird schon in jungen und vielleicht sogar jüngsten Jahren Bilder und Filme gesehen haben, von denen wir uns gar keine Vorstellung machen. Mag sein, dass die Warnung vor jugendgefährdendem Schriften und Filmen in der Vergangenheit oft prüde und unrealistisch war. Doch was Kinder und Jugendliche heute unkontrolliert sehen können, ist pornographischer und gewalttätiger Extremismus, wie ihm niemals zuvor eine Generation ausgesetzt war, und gegen den man sich, zumindest als Jugendlicher, nicht immunisieren kann.

Vollständige Abstumpfung

Florian Henckel von Donnersmarck hat dies unlängst an dem amerikanischen Erfolgsfilm „Superbad“ illustriert. Der Film, als Teenie-Komödie annonciert, zeigt die erste Internetgeneration, die in ihrer eigenen Sprache spricht und darin ihr Bild von Frauen respektive Männern ausdrückt. Diese Sprache ist beängstigend roh, sie kommt aus den Bildern und handelt von den Praktiken, die diese Protagonisten in irgendwelchen Nischen des Internets gesehen haben. Bilder, die jeder, der sie einmal gesehen hat, nie wieder vergessen kann, es sei denn um den Preis vollständiger Abstumpfung.

Wir riskieren, die wenigen Kinder, die unsere Gesellschaft in Zeiten des demographischen Wandels hat, auf Dauer mit seelischem Extremismus zu programmieren, wenn wir nicht bald eine Debatte über pornographische und kriminelle Inhalte im Internet beginnen. Und wenn Sie die Infektionsausbreitung verfolgen wollen, zählen Sie, wie viele Tote neuerdings auch in Nachrichtensendungen oder Illustrierten gezeigt werden.

Die schönste Herausforderung

Ich möchte nicht missverstanden werden. Dies ist kein Kulturpessimismus. Gerade diese Beispiele zeigen, warum wir gebraucht werden und was geschieht, wenn man die vermittelnden Instanzen der großen Zeitungen ignoriert. Es gibt keine schönere Herausforderung für uns als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten.

Eine Option ist die Tageszeitung selbst, die von manchen allzu voreilig totgesagt wird – und zwar gerade von jenen mit Vorliebe, die von der Ausbeutung fremder redaktioneller Inhalte leben. Die Umlaufgeschwindigkeit von echten und halbseidenen Nachrichten im Internet ist enorm, und auf den ersten Blick kann man sie nicht voneinander unterscheiden. Sie tauchen ebenso schnell auf, wie sie verschwinden.

Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie ein retardierendes, also verzögerndes Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation, und gerade deshalb wird sie immer unverzichtbar sein.

Gelehrte und X-Men

In Deutschland nennen wir das, was wir tun, „Qualitätsjournalismus“, und gemeint ist ein Journalismus der großen Zeitungen, der nicht nur auf Verlässlichkeit setzt, sondern auch einer redaktionellen Ausstattung bedarf, die diese Verlässlichkeit sichert. Zeitungen sind Qualitätszeitungen, weil sie auch dort analysieren, wo vorläufig kein „Markt“ im herkömmlichen Sinn existiert, in der Latenz, in den politischen, wirtschaftlichen und kulturen Tiefenschichten des eigenen Landes und der globalen Gemeinschaft.

Oft gleichen die Redaktionen dieser Zeitungen Gelehrten-Republiken mit X-Men-Einschlag. Wer glaubt, dass sich, wie in Amerika gesehen, Redaktionen von Zeitungen einzig nach Rendite rechnen sollten – womöglich einer, durch die ein Kaufpreis kompensiert werden soll – wird erleben, dass die Zeitung ihr Denken, ihre Kreativität und ihre Marktstellung verliert. Das kann – und das sei jenen gesagt, die in ihre Kalkulation schon den Qualitätsabbau einplanen – sehr schnell gehen.

Verzagte Chefetagen

Ich wundere mich manchmal über die Verzagtheit in manchen Chefetagen. Die großen, anerkannten Zeitungen haben, was alle anderen wollen: Autorität. Und wenn sie beherzt das Internet als Ergänzung begreifen, gewinnen sie die Zukunft, die die Pessimisten ihnen ausreden wollen.

Glücklicherweise sind wir in der F.A.Z. nicht in dieser Lage. Wir sind, wie alle anderen, durch schwierige Zeiten gegangen, die man fälschlich „Zeitungskrise“ nennt, die aber in Wahrheit eine Anzeigenkrise war. Am Ende ist es gelungen, aus der Krise sogar mit zwei Zeitungen hervorzugehen, der F.A.Z. und ihrer Sonntagszeitung. Ich sage das nicht, um uns zu rühmen und schon gar nicht, um die objektiven Probleme kleinzureden; ich sage es, weil die Zeitung lebt, im Print und im Internet.

Das Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus

Jeder, der Augen hat zu sehen, wird erkennen, dass das nächste Jahrzehnt das Jahrzehnt des Qualitätsjournalismus sein wird; er schafft die Bindungskräfte einer medial disparaten Gesellschaft. Schon heute merken wir – und ich glaube, ich spreche damit auch für Kollegen aus anderen Häusern – dass die Durchschlagskraft, die der einzelne Artikel entfaltet, trotz Medienkonkurrenz ungleich größer ist als noch in den achtziger und neunziger Jahren. Das hat damit zu tun, dass in einem kommunikativen Chaos die verlässlichen Stimmen besser durchdringen.

Die, die sich nicht anstecken lassen, die ihre Qualität, also: ihre Inhalte unverändert lassen, werden sein, was diese Gesellschaft dringender benötigt denn je: der geometrische Ort, an dem die Summe des Tages und der Zeit gezogen wird.

Wir fühlen uns gewappnet. Und dennoch gibt es in Deutschland, anders als in allen anderen Staaten Europas, eine Asymmetrie, die nicht nur uns, die allen Zeitungen zu denken gibt. Je stärker der öffentlich-rechtliche Rundfunk ins Internet ausgreift, desto bedrohter werden die Zeitungen. Die öffentlich-rechtlichen Systeme haben begonnen, im Internet zu veröffentlichen; und das mit einem Etat im Rücken, der dem Staatshaushalt eines baltischen Landes entspricht. Sie verfassen Rezensionen im Internet, Kommentare und Tagebücher. Noch ist es nicht soweit. Doch wenn diese gebührenfinanzierten Angebote weiter ausgebaut werden, sind die Zeitungen, die sich durch den Markt finanzieren, wirklich bedroht.

 

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