Monatsarchiv: Dezember 2007

Karl Kardinal Lehmann – Vom erbarmen

Gewisse Grundworte gehören selbstverständlich zur Botschaft von Weihnachten: Friede, Freude, Treue, Gerechtigkeit. Aber da gibt es noch ein Wort, über das wir sonst weniger sprechen, das ebenso zu diesen Grundworten gehört. Immer wieder kam es in den letzten Tagen, in der ganzen Adventszeit und bis heute in den Gebeten der Kirche vor. Da heißt es etwa: „Wir bitten Dich, Herr: Dein ewiges Wort komme und wohne in Deinem Erbarmen bei uns.“ Ich meine das Wort vom Erbarmen.

Es ist ein in unserem Sprachgebrauch heute eher selten gewordenes Wort. Wir reden von „erbärmlich“, „erbärmliches Benehmen“, „erbärmlicher Schurke“, und wenn jemand besonders leidet, dann reden wir vielleicht auch noch von „erbarmungswürdig“. Aber von Erbarmen sprechen wir weniger. Wir haben es eher mit der Gleichheit, mit dem Recht, mit dem Anspruch auf Gleichheit, mit dem Anspruch auf das Einlösen gleicher Rechte. Auch im sozialen Bereich ist alles bei uns in hohem Maß geordnet. Beim Wort vom Erbarmen aber kommt es uns so vor, als sitze da einer immer „oben“, der herablassend ein „Unten“ gewähren ließe. Das scheint unserem Empfinden sehr oft diametral entgegenzugehen. Wir finden es demütigend, verletzend, wenn einer auf Erbarmen angewiesen ist.

Weihnachten sagt uns das Gegenteil: Mit Jesus Christus ist ganz neu das Erbarmen in die Welt gekommen. Ohne Erbarmen können wir eigentlich nicht leben. Dies hängt ganz eng damit zusammen, wie Jesus selbst Barmherzigkeit sieht. Alle haben gesündigt, stellt auch der heilige Paulus fest. Wir alle haben es nötig, dass sich Gott unser erbarmt. Keiner kann von sich aus, aus sich selbst heraus in Gerechtigkeit leben; auch wir alle gemeinsam können dies nicht. Wir brauchen das Erbarmen Gottes. Denn ohne dieses Erbarmen können wir auch keine gerechte Gesellschaft miteinander aufbauen. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit brauchen und bedingen sich auf eine ganz besondere Weise – sie sind wie geschwisterliche Nachbarn. Der heilige Thomas von Aquin sagt einmal: Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit, und Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit heißt Auflösung.

Ja, es gibt eine kalte Gerechtigkeit. Und manche Ordnung unseres Lebens, die gerecht zu sein scheint, ist recht kaltschnäuzig für den, der wirklich Hilfe braucht, im Sinne von: „Der kann schön allein bleiben“. Wir wissen zwar, dass man die Welt nicht allein nur nach freigebender, freigeberischer Barmherzigkeit regieren kann, dass wir sehr schnell ungerecht verteilen und damit auch die Spielregeln unseres Zusammenlebens auflösen würden. Aber es braucht die Barmherzigkeit auch als einen Stachel, als einen Antrieb für alle Gerechtigkeit, damit wir überhaupt in unserem Herzen gerührt werden; damit wir wahrnehmen können, dass ein anderer leidet; damit wir in und durch Solidarität mit ihm sehen, was ist. Oder um es mit unserem schönen Wort Mitleiden zu sagen: damit wir Mitleid empfinden können. Wenn die Gerechtigkeit nicht immer wieder Antriebe bekommt, sich überwinden lässt, zu handeln von der Barmherzigkeit her, dann wird sie bald müde, dann wird sie auch selbst ungerecht.

Es gibt in diesem Sinne christlicher Barmherzigkeit eigentlich auch kein „Oben“ und kein „Unten“: Wir alle brauchen das Erbarmen Gottes und sind alle in diesem Sinne gleich. Barmherzigkeit, das sehen wir besonders an Weihnachten, heißt auch: Gott kommt mit seinem ganzen Erbarmen. Gott ist es nicht gleichgültig, wie es uns geht. Er wendet sich uns zu, er spricht zu uns.

Das ist die ganze Botschaft, deswegen kommt Jesus zu uns. Deswegen möchte er uns auch von innen her erwärmen. Er möchte nicht, dass wir bei allen Errungenschaften und Segnungen unserer Zivilisation forsch und rücksichtslos vorangehen, uns alleine alles zutrauen, glauben, dass wir alles schon recht machen, sondern er warnt uns gerade auch dadurch, dass er uns den Menschen in einem Kind schickt. Er schickt uns ein Kind, um uns zu sagen, dass dieses Menschsein sehr vielgestaltig ist, und dass wir darauf achten müssen wie wir ein Kind – vom ersten Moment der Zeugung im Mutterleib an -, einen Kranken in seiner Hilflosigkeit oder auch oft das Elend alternder und sterbender Menschen anschauen.

Das Erbarmen ist etwas ganz Souveränes, das keiner fordern, das man nur freiwillig geben kann. Und wenn man es gibt, dann braucht man es auch gar nicht zu begründen. Es ist da, und es zeugt von sich selbst. Wir sind im Alltag unseres Lebens in vielen Strukturen weit weg von solchem Erbarmen. Oft stoßen wir das, was schwach ist und unsere Hilfe braucht, eher noch weg, geben ihm einen Tritt, erledigen den Konkurrenten gar. Wir brauchen ein Gegengewicht zu solch unbarmherzigem Tun, eine Mahnung, die uns zuteil wird; eben das Gegengewicht des Erbarmens. In diesem Sinne kann die Barmherzigkeit Gottes, das Erbarmen Gottes, Dinge verändern, die sonst niemand verändern kann, kann feste, unveränderliche Strukturen bewegen, kann kalte Herzen wieder erwärmen, kann im Menschen wieder Gefühle hervorrufen, die tief verborgen sind, Gefühle der Solidarität, der Zuneigung, der Dankbarkeit und der Liebe. Und so kann es Weihnachten werden, weil Gott sich der Menschen erbarmt und selbst Mensch geworden ist.

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Wenn Menschen verschimmeln – Pilzinfektionen

Die Heilungschancen von Franziska G. schienen gut zu stehen. Den bösartigen Tumor in ihrer Brust hatten die Ärzte entfernt. Nach der Operation hatte die junge Frau eine Hochdosis-Chemotherapie bekommen. Weil die nicht nur verhinderte, dass der Krebs weiter wuchs, sondern auch die Blutzellen zerstörte, wurden ihr nach der Chemo blutbildende Stammzellen transplantiert. Das alles lag inzwischen Tage zurück. Franziska G. erholte sich sichtbar, sie konnte bereits aufstehen und gehen. Erste Schritte in ein neues Leben.

Was Obst verdirbt, kann im menschlichen Körper lebendsbedrohliche Infektionen hervorrufen. Dann kam das Fieber mit Schüttelfrost, und der Puls begann zu rasen. Alles deutete auf eine Infektion mit Bakterien hin. Doch obwohl die Ärzte Franziska G. sofort mit Antibiotika behandelten, besserte sich ihr Zustand nicht. Die Infektion breitete sich in ihrem durch Krankheit und Operation geschwächten Körper aus.

Eine knappe Woche hielt Franziska G. durch – dann wurde sie mit einem septischen Schock auf die Intensivstation verlegt. „Doch wir konnten ihr nicht mehr helfen“, sagt Frank Martin Brunkhorst vom Universitätsklinikum Jena. Noch am selben Tag starb die Patientin – gerade 28 Jahre alt. Die Sepsis – oder „Blutvergiftung“ – war nicht von Bakterien ausgelöst worden, wie der Intensivmediziner und Sepsis-Forscher Brunkhorst erklärt. Anders als bei den meisten Sepsis-Erkrankungen hatte ein Hefepilz den Körper befallen: Candida albicans. Gegen Pilze aber sind Antibiotika unwirksam.

Das Schicksal der jungen Frau ist kein Einzelfall in deutschen Kliniken. Immer häufiger müssen Intensivmediziner um das Leben schwerstkranker Patienten ringen, das durch eine Pilzinfektion bedroht ist. Dabei galten Pilze – anders als Bakterien oder Viren – noch bis vor wenigen Jahren als eher harmlose Keime: als Verursacher von äußerlichen Infektionen der Haut und Schleimhaut, die zwar lästig, aber nicht lebensbedrohlich sind.

„Lange Zeit waren Pilzinfektionen vor allem ein Thema für Hautärzte“, sagt Markus Ruhnke. Der Blutkrebsspezialist und Oberarzt an der Berliner Charité ist Vorsitzender der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft. In dieser Vereinigung organisieren sich neben Mikrobiologen immer mehr Mediziner verschiedenster Fachrichtungen. „Heute sind Pilze nicht nur häufige Erreger von Haut- und Schleimhaut-Infektionen, sondern eines der gefährlichsten Infektionsrisiken für Patienten mit Blutkrebs sowie für Organempfänger und Intensivpatienten“, lautet die Einschätzung Ruhnkes.

Vor allem von invasiven – das heißt die inneren Organe befallenden – Infektionen droht Gefahr: Sie sind für die meisten Toten bei Blutinfektionen verantwortlich. Ein Drittel bis zur Hälfte der Patienten überlebt eine invasive Candida-Infektion nicht.

Auch der Befall mit Schimmelpilzen ist oft lebensbedrohend. Eine Infektion mit Aspergillus fumigatus gehört zu den Krankheiten mit der schlechtesten Prognose überhaupt. Die Patienten verschimmeln bei lebendigem Leibe. Wenn Gehirn oder Lunge befallen sind, bedeutet dies für 90 Prozent der Erkrankten den Tod.

Zahlen der amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zeigen: Bei den Todesursachen durch Infektionskrankheiten in den USA sind die inneren Pilzerkrankungen inzwischen auf dem siebten Platz – und damit deutlich vor altbekannten Killern wie den Erregern der Tuberkulose. Zwischen 1980 und 1997 hat sich die Zahl der in den USA registrierten Erkrankungen verdreifacht. „In Europa liegen leider nicht so detaillierte Zahlen vor. Doch der Trend ist ganz ähnlich“, sagt Markus Ruhnke.

Jede zehnte Sepsis – das zeigen amerikanische Studien – wird inzwischen durch Pilze, vor allem durch Candida-Arten, verursacht. „Auf Deutschland hochgerechnet wären das jährlich rund 15 000 Fälle, denn in Deutschland erkranken mehr als 150.000 Menschen im Jahr an einer Sepsis“, verweist Frank Martin Brunkhorst auf Zahlen des bundesweiten Kompetenznetzes Sepsis (SepNet), das er koordiniert.

Infektionen der inneren Organe mit Schimmelpilzen wie Aspergillus-Arten findet man weitaus seltener als solche mit Candida oder anderen Hefepilzen. „Doch in manchen Patientengruppen ist die Zahl der Erkrankungen sehr hoch“, sagt Markus Ruhnke. Besonders gefährdet sind Leukämiekranke, Krebspatienten nach einer Chemotherapie und Menschen nach einer Organ- oder Knochenmark-Transplantation. Ein Viertel der Patienten, die eine Lunge oder ein neues Herz bekommen haben, erkranken durch Aspergillus-Pilze. Durchschnittlich jeder achte Empfänger von Knochenmark oder Blutstammzellen wird von diesen Schimmelpilzen befallen. „Und die Häufigkeit solcher Erkrankungen wird weiter steigen“, befürchtet Ruhnke. „Denn die Gruppe der akut Gefährdeten wächst.“ Von 1990 bis 2001 ist die Zahl der Organtransplantationen in Deutschland um knapp ein Fünftel gestiegen. Und zwischen 1998 und 2004 nahm die Häufigkeit der Transplantationen von Blutstammzellen um zwei Drittel zu.

Zu schwerwiegenden Pilzerkrankungen kommt es vor allem in Krankenhäusern. Mittlerweile sind Candida-Hefen dort die vierthäufigsten Erreger. Nur Coli-Bakterien, Staphylokokken und Enterokokken sind weiterverbreitete Krankenhauskeime. Diese Infektionen lassen sich kaum vermeiden. „Denn die Patienten bringen die Erreger in der Regel selbst mit“, sagt Bernhard Hube, Leiter des Fachgebiets Mykologie des Robert-Koch-Instituts in Berlin.

„Der Hefepilz Candida albicans ist ein Bestandteil der normalen mikrobiellen Flora des Menschen.“ So ist der Darm bei fast jedem zweiten Gesunden von Candida albicans besiedelt. Ein Drittel aller Menschen tragen Candida-Keime im Mund. Und die Haut bietet vor allem in feuchtwarmen Bereichen beste Wachstumsbedingungen für den Hefepilz. „Für Candida albicans sind wir Menschen der ideale Nährboden. Wir geben diesem Pilz alles, was er zum Leben braucht: Kohlenhydrate, Wärme und moderate pH-Werte“, erklärt Hube.

Schimmelpilze dagegen sind Umweltkeime. Aspergillus fumigatus etwa kommt überall dort vor, wo abgestorbene Pflanzenteile verrotten. „Ein typischer Kompostkeim“, meint Herbert Hof, der das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene des Uniklinikums Mannheim leitet. „Jedes Mal, wenn man die Biotonne öffnet, wird man von einer Wolke Aspergillus-Sporen eingehüllt.“ Aber auch in Getreidelagern oder Heuhaufen und in Nahrungsmitteln wie Tee oder Nüssen steckt der Pilz. Selbst in der Sahara und der Antarktis lässt er sich nachweisen. „Und leider auch in der Luft von Krankenhäusern und Intensivstationen“, erklärt der Mikrobiologe.

Wo auch immer: Einige Hundert der gerade mal einen Tausendstel Millimeter großen Sporen von Aspergillus fumigatus atmen wir tagtäglich ein. Das ist normalerweise kein Problem: „Unser Immunsystem hat zwei Verteidigungslinien gegen eindringende Keime in der Lunge aufgebaut“, sagt Axel Brakhage, Leiter des Leibniz-Instituts für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie (HKI) in Jena, das sich als bislang einziges Forschungsinstitut in Deutschland auf humanpathogene Pilze spezialisiert hat. „Als Erstes: Wenn Sporen in die Lunge eindringen, werden sie von sogenannten Fresszellen erkannt und eliminiert.“ Sollten einzelne Sporen das überleben, bombardieren weiße Blutkörperchen die Keime mit hochreaktiven Molekülen und machen sie unschädlich. Für gesunde Menschen sind die Pilze aus der Biotonne und auch Wohnungsschimmel deshalb keine Gefahr, aber ohne funktionierendes Immunsystem kann selbst eine einzige Spore tödlich sein. Gelingt es dem Pilz auszukeimen und in die Blutgefäße zu wachsen, kann er sich bis in die inneren Organe ausbreiten.

Auch Candida-Pilze nutzen die Schwäche des Körpers, um sich von harmlosen Mitbewohnern zu aggressiven Krankheitserregern zu wandeln. Vor allem Intensivpatienten sind gefährdet. „Und zwar immer dann, wenn die natürliche Barriere zwischen der Haut oder Schleimhaut, wo die Pilze normalerweise wachsen, und dem Blut durchlässig wird“, sagt Frank Martin Brunkhorst. Häufig sind es Venenkatheter, die es den Keimen ermöglichen, diese Grenze zu passieren. Aber auch Verletzungen oder Operationswunden nutzen die Pilze als Eintrittspforte. Ein großes Problem ist es, wenn die bakterielle Darmflora und die Darmschleimhaut durch Medikamente wie Breitbandantibiotika stark geschädigt sind. „Dann ist es praktisch nur eine Frage der Zeit, bis die Pilze durch die Darmwand ins Blut gelangen“, ist die Erfahrung des Intensivmediziners Brunkhorst.

Doch wie die Candida-Pilze im Blut überleben, stellt die Pilzforscher bislang vor Rätsel. Denn die Hefezellen müssen nicht nur den Ansturm der Immunabwehr überstehen. „Das Blut ist auch ein völlig anderer Lebensraum als die Schleimhäute, wo die Pilze normalerweise wachsen“, sagt Bernhard Hube. Sauerstoff und Nährstoffe sind weniger leicht verfügbar, der pH-Wert ist anders. „Doch innerhalb von Minuten passen die Pilze ihr genetisches Programm diesen veränderten Bedingungen an“, fand der Molekularbiologe heraus. So gewappnet zirkulieren die Pilze durch die Blutbahn und können sich in Gewebe und Organen festsetzen. Dazu bilden die normalerweise runden Hefezellen lange schlauchförmige Fortsätze – sogenannte Hyphen – mit denen sie sich in das Zielgewebe bohren.

Eine invasive Pilzinfektion zu diagnostizieren, ist bisher außerordentlich schwierig. Zwar gibt es eine Reihe von Methoden, die Hinweise auf eine Infektion liefern. So können erfahrene Ärzte auf Röntgenbildern und computertomographischen Aufnahmen eine Aspergillus-Infektion der Lunge erkennen. „Bislang gibt es aber keine einheitlichen diagnostischen Standards“, bedauert Markus Ruhnke. „Im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten haben wir hier einen eklatanten Nachholbedarf.“

Derzeit koordiniert Ruhnke ein elfköpfiges Team von Blutspezialisten, Intensivmedizinern und Pathologen, das Leitlinien für Ärzte entwirft, um Pilzinfektionen sicher zu diagnostizieren. „Wir brauchen solche standardisierten Verfahren gerade bei hochgefährdeten Patienten“, fordert Markus Ruhnke. Denn nur wenn der Erreger dingfest gemacht ist, lässt sich das richtige Medikament auswählen.

„Derzeit ist eine sichere Diagnose noch die Ausnahme“, konstatiert Mikrobiologe Hof. „Das Hauptproblem sind die Nachweismethoden.“ Bis heute basiert die Pilz-Diagnostik – selbst in den modernsten Kliniken – auf Methoden wie zu Zeiten Robert Kochs. So gilt ein Pilz erst dann als gesichert nachgewiesen, wenn er aus Körpergewebe oder Blut extrahiert, auf einem Nährboden vermehrt und schließlich identifiziert wurde. „Doch das dauert manchmal mehrere Tage“, sagt Herbert Hof.

So viel Zeit bleibt Arzt und Patient oftmals nicht. „Im klinischen Alltag haben es die Ärzte viel häufiger mit einem begründeten Verdacht oder auch nur mit einer vagen Vermutung zu tun als mit einer gesicherten Diagnose“, sagt Hof. Deshalb müssen sie sich oft auf ihr „Bauchgefühl“ verlassen. Das hält Frank Martin Brunkhorst für inakzeptabel. „Können Sie sich einen Arzt vorstellen, der seinem Patienten mitteilt: ‚Vielleicht haben Sie ja einen Herzinfarkt. Den wollen wir jetzt mal behandeln‘?“

Dabei gilt: „Je später mit der Therapie begonnen wird, umso weniger wirksam ist sie“, sagt Herbert Hof. Wie eine Studie der Universität Münster aus den Neunzigerjahren belegt, betragen die Heilungschancen bei einer invasiven Aspergillus-Infektion etwa 60 Prozent – vorausgesetzt, der Patient wird binnen 10 Tagen behandelt. Beginnt die Therapie erst danach, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Heilung auf gerade mal 10 Prozent.

Deshalb verordnen Ärzte Antimykotika häufig, bevor die Diagnose feststeht. Doch eine prophylaktische Behandlung ist nicht ungefährlich, wie sich derzeit weltweit abzeichnet. So hat der großzügige Einsatz des seit den Achtzigerjahren verfügbaren Medikaments Fluconazol dazu geführt, dass neben der bis dahin dominierenden Hefe Candida albicans vermehrt auch andere Candida-Arten auftreten, die resistent gegen das Medikament sind.

Zwar kommt es bei der Therapie von Pilzerkrankungen seltener zu Resistenzen gegen Medikamente als beispielsweise bei der von bakteriellen Infektionen. Doch es gibt ein anderes Problem: Verglichen mit der Zahl und Vielfalt an Wirkstoffen gegen Bakterien – den Antibiotika –, ist das Spektrum an Medikamenten gegen Pilze – Antimykotika – äußerst klein. Das Arsenal der Pilzmedikamente ist zwar inzwischen beträchtlich größer geworden. „Doch bisher handelt es sich dabei um immer neue Varianten bereits bekannter Wirkmechanismen“, sagt Herbert Hof.

Grund dafür ist die enge biologische Verwandtschaft von Pilz und Mensch. Denn Pilze ähneln uns sehr viel mehr als anderen Mikroorganismen. Wie unsere Zellen besitzen Pilzzellen einen Kern und Organellen. Auch ihre Biochemie gleicht im Wesentlichen der menschlichen. „Das bedeutet, dass es für Wirkstoffe gegen Pilze nur relativ wenige spezifische Angriffsziele gibt“, erklärt Axel Brakhage. Sämtliche heute verfügbaren Antimykotika richten sich auf drei Ziele in der Pilzzelle: Zellwand, Zellmembran und die biochemischen Prozesse, mit denen die Erbsubstanz DNA für die Zellteilung verdoppelt wird.

Mit Brakhage und seiner Arbeitsgruppe suchen derzeit so viele Mikrobiologen und Mediziner wie nie zuvor nach neuen Ansatzpunkten für Therapien gegen Pilzinfektionen. Vor wenigen Monaten erst hat ein internationales Forscherkonsortium die Genome der drei wichtigsten Aspergillus-Arten sequenziert. Mehr als 1000 wissenschaftliche Publikationen erscheinen jedes Jahr allein zu Aspergillus-Pilzen. In Deutschland unterstützt die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 2004 ein Schwerpunktprogramm, das die Infektionsmechanismen von Pilzerkrankungen auf molekularer Ebene klären soll. „Es ist wichtig zu verstehen, wie die Pilze genau vorgehen“, erklärt Axel Brakhage, der das Schwerpunktprogramm leitet. „Nur so können wir ihre Schwachstellen erkennen, an denen sie angreifbar sind.“

Einen ersten Anhaltspunkt dafür, was gerade Aspergillus fumigatus so gefährlich macht, hat Brakhages Forscherteam bereits gefunden. „Der Pilz stellt ein Toxin her, das das Immunsystem unterdrückt“, erklärt der Mikrobiologe. Genmanipulierte Aspergillus-fumigatus-Sporen, die dieses Toxin nicht produzieren können, erwiesen sich im Versuch an Mäusen als harmlos. Gelänge es also, die Synthese dieses Toxins mit einem Wirkstoff zu blockieren, könnte man Aspergillus fumigatus auch für den Menschen unschädlich machen.

Das wäre ein großer Fortschritt. Allerdings wird das neue Medikament nur gegen Fumigatus wirken. Andere Pilze haben andere Tricks, um im menschlichen Körper zu überleben – und gegen die müssen die Forscher auch andere Waffen entwickeln. Pilze sind ein strategisch äußerst geschickter Feind.

Ute Schönfelder bekam für diesen Beitrag den mit 5.000 Euro dotierten Heureka-Journalistenpreis 2007 im Bereich Print. Erschienen ist er in bild der wissenschaft 5/2007, S. 19

 

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Pflanzeninhaltsstoff mit selektiver Wirkung auf Krebszellen

Die Substanz Wogonin löst in Tumorzellen das Todesprogramm Apoptose aus, hat auf gesunde Zellen jedoch so gut wie keinen Effekt. Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum klären den molekularen Mechanismus auf, der dieser selektiven Wirkung zugrunde liegt.

Schäden an Genen, die das Wachstum kontrollieren, können eine Zelle zur Gefahr für den Organismus werden lassen. Schutz dagegen bietet das als Apoptose bezeichnete Todesprogramm, das geschädigte Zellen, die möglicherweise außer Kontrolle geraten, in den Freitod treibt. Dieser lebensrettende Mechanismus funktioniert jedoch in den meisten Tumorzellen nicht mehr, da zahlreiche Steuermoleküle der Apoptose defekt sind.

Forscher versuchen daher schon seit langem, in Tumorzellen die Fähigkeit zum kontrollierten Selbstmord wiederherzustellen. Allerdings ist dies ein gewagtes Unterfangen, da das Risiko besteht, auch gesundes Gewebe durch den Zelltod zu schädigen. Dringend gesucht wurden daher Substanzen, die ganz gezielt nur Tumorzellen in den Tod treiben.

Dr. Min Li-Weber aus der Abteilung Immungenetik unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Krammer konzentriert sich auf Reinsubstanzen aus Kräutern, die in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet werden. Sie untersucht diese Pflanzeninhaltsstoffe auf ihre Fähigkeit, Apoptose auszulösen. Mit der Substanz Wogonin, einem Flavonoid aus dem Baikal-Helmkraut, hat die Wissenschaftlerin kürzlich einen interessanten Kandidaten entdeckt: Wogonin bewirkt bei Leukämiezellen in der Kulturschale Apoptose, hat aber auf gesunde Blutzellen fast keine schädigende Wirkung. Auch bei Mäusen, denen Leukämiezellen des Menschen transplantiert wurden, ließ sich das Krebswachstum durch Wogonin aufhalten.

Unklar war bislang, auf welchem molekularen Mechanismus die selektive Wirkungsweise des Pflanzeninhaltstoffs beruht. Das Apoptose-Programm kann in der Zelle auf zweierlei Wegen gestartet werden: durch externe Stimuli oder durch Signale aus dem Zellinneren als Reaktion auf Faktoren wie radioaktive Strahlung oder reaktive Sauerstoffverbindungen – etwa Wasserstoffperoxid (H2O2). Li-Weber zeigt nun, dass Wogonin in Tumorzellen eine weitaus stärkere Wasserstoffperoxidbildung bewirkt als in gesunden Zellen. Das Peroxid wiederum löst eine Kalziumantwort aus, die die Reaktionskaskade der Apoptose in Gang bringt. Zudem enthalten Tumorzellen eine größere Zahl der Membrankanäle, durch die das Kalzium aus seinen innerzellulären Lagerstätten ins Zellplasma einströmt.

Min Li-Webers bisherige Ergebnisse beruhen auf Versuchen in der Kulturschale und am Tiermodell. Die Wissenschaftler halten die Daten für so überzeugend, dass sie die Eignung von Wogonin als Therapeutikum für leukämische Erkrankungen weiter prüfen.

Sven Baumann, Stefanie C. Fas, Marco Giaisi, Wolfgang W. Müller, Anette Merling, Karsten Gülow, Lutz Edler, Peter H. Krammer und Min Li-Weber: Wogonin Preferentially Kills Malignant Lymphocytes and Suppresses T-cell Tumor Growth by Inducing PLCγ1- and Ca2+-dependent Apoptosis.
Blood, DOI: 10.1182/blood-2007-06-096198


Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat die Aufgabe, die Mechanismen der Krebsentstehung systematisch zu untersuchen und Krebsrisikofaktoren zu erfassen. Die Ergebnisse dieser Grundlagenforschung sollen zu neuen Ansätzen in Vorbeugung, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen führen. Das Zentrum wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF) e.V.

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Zhou Qing-Vortrag 7.12.2007 in Heidelberg-Lebensmittelsicherheit in China

Vortrag im DAI Heidelberg am 7. Dezember 2007 um 20 Uhr

Zhou Qing, Journalist und Redakteur aus Peking, hat seit mehren Jahren die Lage der Lebensmittelsicherheit in China untersucht und daraus die schockierenden Erkenntnisse für seine Reportage „What Kind of God?“ gewonnen. Dafür hat er 2006 den Reportagepreis „Lettre Ulysses Award“ bekommen.

Das Thema „Lebensmittel- und Produktsicherheit in China“ machte in den letzten Wochen auch in Deutschland Schlagzeilen. Immer wieder müssen giftige Kinderspielzeuge aus China zurückgerufen werden. Qings Reportage deckt eine Vielzahl von Problemen auf, von Verstößen gegen die Hygienevorschriften, die Verwendung verbotener Inhaltsstoffe bis zu gefälschten Lebensmitteln. Die chinesische Originalausgabe wurde sofort nach Erscheinen verboten.

Zhou Qing, geboren 1965 in Shanxi, wurde 1989 in die Ereignisse auf dem Tienanmen-Platz verwickelt, wurde daraufhin für fast 3 Jahre inhaftiert und ist heute Mitglied des unabhängigen chinesischen PEN-Clubs.

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Homöopathie kann bei der Behandlung der Diabetes Erfolg versprechend sein

In Deutschland leiden etwa sechs Millionen Menschen an der Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus, der Zuckerkrankheit. Die Tendenz ist steigend und es erkranken immer mehr jüngere Menschen am sogenannten Altersdiabetes, dem Typ-2-Diabetes.
Doch trotz einem der Krankheit angepasstem Lebensstil und modernen Medikamenten kann der Insulinhaushalt entgleisen, diesen Patienten kann möglicherweise mittels Homöopathie geholfen werden.

Der Diabetes gilt allgemein als einer homöopathischen Behandlung eher nicht zugänglich. Doch ein homöopathischer Therapieversuch bei diesem Krankheitsbild kann Erfolg versprechend sein, darauf weist der Tübinger Allgemeinmediziner Dr. Martin Bündner in der aktuellen Ausgabe der „AHZ, Allgemeine Homöopathisch Zeitschrift“ (Haug Verlag, Stuttgart, 2007) hin. Bündner schildert den Fall einer 81-jährigen insulinpflichtigen Patientin, deren diabetische Stoffwechselentgleisung durch die Behandlung mit dem homöopathischen Arzneimittel Sulfur in der Potenz C 30 wieder ins Gleichgewicht gebracht werden konnte. Aufgrund einer ausgeprägten Schwindelsymptomatik wurde Sulfur gewählt. Bereits zehn Minuten nach der Einnahme von zwei in Wasser gelösten Globuli sei der Schwindel deutlich besser geworden, berichtet Dr. Bündner. Die Fallneigung der Patientin habe sich deutlich nach zwei Stunden zum Positiven gewendet. Doch am vierten Behandlungstag stagnierte die gute Entwicklung, es wurden wieder zwei in Wasser gelöste Globuli Sulfur C 30 gegeben. Am siebten Tag der Therapie attestierte der homöopathische Arzt seiner Patientin Beschwerdefreiheit. Die Patientin verblieb noch sechs weitere Tage in stationärer Behandlung.

Parallel zu dem Erfolg  bei der Behandlung des Schwindels sank der Insulinbedarf der Frau beständig. „Ob eine weitere Reduktion von Insulin unter homöopathischer Behandlung möglich gewesen wäre, bleibt offen“, schreibt Dr. Bündner, es sei aber nicht unwahrscheinlich, urteilt er. Doch mehr als vorsichtigen Optimismus bei der homöopathischen Behandlung des Diabetes mellitus möchte Martin Bündner nicht verbreiten. „Aber ein Versuch ist es wert“, resümiert der Arzt.

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Das Wunder von Findhorn – The Spiritual Community

Bald ein halbes Jahrhundert ist es her, dass auf einem windigen Campingplatz an einem schottischen Meeresarm ein botanisches Wunder registriert wurde: Riesige Kohlköpfe und Gurken gediehen auf dem unfruchtbaren Boden, Blumen blühten auf das üppigste. Die Gärtner schrieben den Erfolg ihrer spirituellen Beziehung zur Natur und den Pflanzengeistern zu. Auch Wissenschaftler fanden keine bessere Erklärung.

Heute ist Findhorn die größte alternative Gemeinschaft Schottlands – mit Gästen aus aller Welt. Auf dem Programm des Findhorn-Colleges stehen – neben der Kommunikation mit der inneren Stimme – Themen wie ein klima-neutrales Leben und die globale Umweltkrise. Ganzheitliches Leben im Findhorn-Stil ist auf einmal hochaktuell geworden.

Zu Findhorn geht es hier

Die Radiosendung kommt am 4.12.2007 um 8.30 Uhr auf SWR 2

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Patricia Noll – Buch: „Zurück ins Leben“

Kampf um eine würdevolle Medizin

Patrica Noll ist erfolgreich: Die Fernseh- und Rundfunkmoderatorin, Journalistin und allein erziehende Mutter hat einen 18-Stunden-Tag, unerschöpfliche Power und Kreativität. Völlig unerwartet erkrankt sie plötzlich an Krebs. Schlagartig ändert sich das Leben der 37-Jährigen. Es wird ein Burkitt-Lymphom diagnostiziert, ein aggressiver Krebs, der sich rasant ausbreitet. Es folgen Operation, Chemotherapie und sieben Monate Krankenhausaufenthalt.

Von ihrem selbstbestimmten Weg durch die Therapie berichtet sie in diesem Buch. Sie wollte kein Opfer sein und setzte sich intensiv mit der Krankheit und den Ärzten auseinander. Sie forderte Einsicht in die Krankenakte und Behandlungspläne, verlangte nach bestimmten Medikamenten, vertraute ihrer Intuition und kämpfte um mehr Verantwortung und vor allem um die Würde, die im Klinikalltag allzu oft auf der Strecke bleibt.

Die von ihr gegründete Stiftung trägt den Namen „good hope – für Patientenwürde und humane Krebstherapie“. Weitere informationen finden sie hier.

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