Karl Kardinal Lehmann – Vom erbarmen

Gewisse Grundworte gehören selbstverständlich zur Botschaft von Weihnachten: Friede, Freude, Treue, Gerechtigkeit. Aber da gibt es noch ein Wort, über das wir sonst weniger sprechen, das ebenso zu diesen Grundworten gehört. Immer wieder kam es in den letzten Tagen, in der ganzen Adventszeit und bis heute in den Gebeten der Kirche vor. Da heißt es etwa: „Wir bitten Dich, Herr: Dein ewiges Wort komme und wohne in Deinem Erbarmen bei uns.“ Ich meine das Wort vom Erbarmen.

Es ist ein in unserem Sprachgebrauch heute eher selten gewordenes Wort. Wir reden von „erbärmlich“, „erbärmliches Benehmen“, „erbärmlicher Schurke“, und wenn jemand besonders leidet, dann reden wir vielleicht auch noch von „erbarmungswürdig“. Aber von Erbarmen sprechen wir weniger. Wir haben es eher mit der Gleichheit, mit dem Recht, mit dem Anspruch auf Gleichheit, mit dem Anspruch auf das Einlösen gleicher Rechte. Auch im sozialen Bereich ist alles bei uns in hohem Maß geordnet. Beim Wort vom Erbarmen aber kommt es uns so vor, als sitze da einer immer „oben“, der herablassend ein „Unten“ gewähren ließe. Das scheint unserem Empfinden sehr oft diametral entgegenzugehen. Wir finden es demütigend, verletzend, wenn einer auf Erbarmen angewiesen ist.

Weihnachten sagt uns das Gegenteil: Mit Jesus Christus ist ganz neu das Erbarmen in die Welt gekommen. Ohne Erbarmen können wir eigentlich nicht leben. Dies hängt ganz eng damit zusammen, wie Jesus selbst Barmherzigkeit sieht. Alle haben gesündigt, stellt auch der heilige Paulus fest. Wir alle haben es nötig, dass sich Gott unser erbarmt. Keiner kann von sich aus, aus sich selbst heraus in Gerechtigkeit leben; auch wir alle gemeinsam können dies nicht. Wir brauchen das Erbarmen Gottes. Denn ohne dieses Erbarmen können wir auch keine gerechte Gesellschaft miteinander aufbauen. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit brauchen und bedingen sich auf eine ganz besondere Weise – sie sind wie geschwisterliche Nachbarn. Der heilige Thomas von Aquin sagt einmal: Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit, und Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit heißt Auflösung.

Ja, es gibt eine kalte Gerechtigkeit. Und manche Ordnung unseres Lebens, die gerecht zu sein scheint, ist recht kaltschnäuzig für den, der wirklich Hilfe braucht, im Sinne von: „Der kann schön allein bleiben“. Wir wissen zwar, dass man die Welt nicht allein nur nach freigebender, freigeberischer Barmherzigkeit regieren kann, dass wir sehr schnell ungerecht verteilen und damit auch die Spielregeln unseres Zusammenlebens auflösen würden. Aber es braucht die Barmherzigkeit auch als einen Stachel, als einen Antrieb für alle Gerechtigkeit, damit wir überhaupt in unserem Herzen gerührt werden; damit wir wahrnehmen können, dass ein anderer leidet; damit wir in und durch Solidarität mit ihm sehen, was ist. Oder um es mit unserem schönen Wort Mitleiden zu sagen: damit wir Mitleid empfinden können. Wenn die Gerechtigkeit nicht immer wieder Antriebe bekommt, sich überwinden lässt, zu handeln von der Barmherzigkeit her, dann wird sie bald müde, dann wird sie auch selbst ungerecht.

Es gibt in diesem Sinne christlicher Barmherzigkeit eigentlich auch kein „Oben“ und kein „Unten“: Wir alle brauchen das Erbarmen Gottes und sind alle in diesem Sinne gleich. Barmherzigkeit, das sehen wir besonders an Weihnachten, heißt auch: Gott kommt mit seinem ganzen Erbarmen. Gott ist es nicht gleichgültig, wie es uns geht. Er wendet sich uns zu, er spricht zu uns.

Das ist die ganze Botschaft, deswegen kommt Jesus zu uns. Deswegen möchte er uns auch von innen her erwärmen. Er möchte nicht, dass wir bei allen Errungenschaften und Segnungen unserer Zivilisation forsch und rücksichtslos vorangehen, uns alleine alles zutrauen, glauben, dass wir alles schon recht machen, sondern er warnt uns gerade auch dadurch, dass er uns den Menschen in einem Kind schickt. Er schickt uns ein Kind, um uns zu sagen, dass dieses Menschsein sehr vielgestaltig ist, und dass wir darauf achten müssen wie wir ein Kind – vom ersten Moment der Zeugung im Mutterleib an -, einen Kranken in seiner Hilflosigkeit oder auch oft das Elend alternder und sterbender Menschen anschauen.

Das Erbarmen ist etwas ganz Souveränes, das keiner fordern, das man nur freiwillig geben kann. Und wenn man es gibt, dann braucht man es auch gar nicht zu begründen. Es ist da, und es zeugt von sich selbst. Wir sind im Alltag unseres Lebens in vielen Strukturen weit weg von solchem Erbarmen. Oft stoßen wir das, was schwach ist und unsere Hilfe braucht, eher noch weg, geben ihm einen Tritt, erledigen den Konkurrenten gar. Wir brauchen ein Gegengewicht zu solch unbarmherzigem Tun, eine Mahnung, die uns zuteil wird; eben das Gegengewicht des Erbarmens. In diesem Sinne kann die Barmherzigkeit Gottes, das Erbarmen Gottes, Dinge verändern, die sonst niemand verändern kann, kann feste, unveränderliche Strukturen bewegen, kann kalte Herzen wieder erwärmen, kann im Menschen wieder Gefühle hervorrufen, die tief verborgen sind, Gefühle der Solidarität, der Zuneigung, der Dankbarkeit und der Liebe. Und so kann es Weihnachten werden, weil Gott sich der Menschen erbarmt und selbst Mensch geworden ist.

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